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27.02.2007

Wallfahrt

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„GOTT IST LIEBE“
PREDIGT AM FEST DER SCHMERZEN MARIENS
Wallfahrtsmesse in Kevelaer am 15.9.07

Wenn wir uns geliebt wissen, verändert dies unser Leben. Dann geht – bildlich gesprochen – die Sonne auf. Letztlich hängt alles daran. Unser Leben hängt an dieser Erfahrung. Es ist die Ur-Sehnsucht eines jeden Menschen.
Wenn dies die prägende Erfahrung der ersten Lebensjahre ist, dann bildet sich auch ein Ur-Vertrauen.

Wenn Chiara Lubich, die Gründerin der Fokolarbewegung von ihrem Leben erzählt, berichtet sie, wie eine Bemerkung ihrem Leben eine Wende gegeben hat, nämlich als ihr jemand sagte: Gott liebt dich unendlich! Gott liebt dich unendlich!
Das war eine enorme Entdeckung für sie in einer Zeit, als der Glaube zwar in einer gewissen Weise selbstverständlich war, Gott aber meistens dargestellt wurde als höchster Herr und oberstes Prinzip, aber nicht, dass er LIEBE IST. Und dass seine Liebe mir ganz persönlich gilt.

Dass mein Leben Wert hat, dass ich nicht nur von irgendjemandem geliebt bin, sondern dass GOTT selbst mich liebt, dass ich als Person – nicht nur die Menschheit im Allgemeinen – im Zentrum seiner liebenden Aufmerksamkeit stehe:
das verändert den Blick auf mein Leben und die Welt überhaupt.

Klaus Hemmerle, der verstorbene Bischof von Aachen, hat einmal gesagt:
„Christsein – das heißt glauben an die Liebe, die Gott hat und die Gott ist; das heißt, alles, auch die Welt und den Menschen, von dieser Liebe her und auf sie hin verstehen…“

Wenn uns die Heilige Schrift im Johannesbrief zusagt: Gott ist die Liebe – wir hörten es eben in der Lesung – dann ist das nicht eine bloße Gefühlsangelegenheit.
Es heißt darin nämlich weiter:
Die Liebe Gottes wurde unter uns dadurch offenbart, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben. (1 Jo 4,8-9)
Die Liebe Gottes hat in Jesus Hand und Fuß bekommen. Und er hat sie sich etwas kosten lassen, nämlich sein eigenes Leben. Damit wir an die Liebe Gottes zu uns glauben und daraus leben können, hat er uns Jesus Christus gesandt. Und dazu gehört ganz wesentlich, dass er sich selbst in alle Lieblosigkeit und Ablehnung hineinbegeben hat.

Sich geliebt wissen, sich von Gott geliebt wissen, verändert unser Leben, so sagten wir.
Was sind denn die Veränderungen, die dadurch eintreten können?

Eine Konsequenz ist, dass ich die Dinge und Ereignisse nicht mehr als zufällig betrachte; dass ich sie sehen und erleben kann als etwas, was mir von Gott her zukommt; dass er mir dadurch etwas sagen will. Dann ist z.B. die Zuwendung der Eltern, ein schöner Spaziergang im Schnee bei Sonnenschein, einen Begegnung mit einem tiefen Gespräch, ein gutes Buch, aber auch eine Erkrankung, die mich zum Nachdenken bringt, oder die Herausforderung durch eine anstrengende Arbeit …
mehr als die Aneinanderreihung von Zufällen.
Alles kann zu einem Angesprochensein führen, zu einem Gespräch mit dem, der eine Lebens- und Liebesgeschichte mit mir und uns allen möchte.

Gott ist Liebe!  Das gilt für jeden Menschen. Aber: es erreicht nicht jeden Menschen.
Es erreicht den Glaubenden. Denn es liegt ja gar nicht für jeden auf der Hand, von Gott geliebt zu sein. Was ist z.B. mit den Menschen, die schon bei ihrer Geburt abgelehnt werden? Oder die im Laufe des Lebens immer wieder gemobt und von anderen zurückgesetzt werden?

Da bedarf es schon eines starken Glaubens, durch alle menschliche Erfahrung von Ablehnung hindurch daran zu glauben, dass Gott selbst jedoch mein Leben will und mich annimmt und liebt. Für Menschen, die einen lieblosen und vielleicht gewalttätigen Vater erlebt haben, kann es sogar die Rettung sein. Es kann erlösen, wenn sie sehen dürfen, dass es neben dem irdischen Vater, der diesen Namen vielleicht gar nicht verdient, auch einen gibt, der wirklich VATER ist.

Bisher war noch gar nicht die Rede von Maria – und das bei einer Wallfahrt nach Kevelaer!

Doch keine Sorge! Genau an dieser Stelle kommt sie ins Spiel. Sie ist ein Modell für Menschen, die es schwer haben mit ihrem Glauben an die Liebe Gottes; deren Glaube an die Liebe geprüft wird.
Was für eine Glaubensprüfung könnte schwerer sein als die, beim Foltertod des eigenen  Sohnes dabei zu sein und nichts tun zu können; das Leiden und den Tod nicht abwenden zu können.
Wir können uns gut vorstellen, das ihr dabei die Worte des Simeon durch den Kopf gingen, die jener ausgesprochen hatte, als Maria und Josef ihr Kind in den Tempel brachten: „Ein Schwert wird Deine Seele durchdringen.“

Maria unter dem Kreuz, die Pietá. Pietá heißt „Erbarmen“. Maria mit ihrem toten Sohn auf dem Schoß: Ein Bild des Jammers und Erbarmens. Es ruft unser Erbarmen, unser Mitleid mit ihr und allen Müttern in ähnlicher Situation hervor. Mit den Müttern krebskranker Kinder, mit den Müttern in Darfur, jener Region im Sudan, wo Hunderttausende vertrieben werden; mit den Müttern drogenabhängiger Jugendlicher … um nur einige Beispiele zu nennen.
Die Pietá ist aber auch ein Bild der erbarmenden Liebe Gottes. Er begibt sich in alle erbärmlichen und erbarmungswürdigen Situationen menschlichen Daseins hinein.
So groß ist seine Zu-Neigung zu uns, dass er sich selbst nicht davor verschont hat.
Und wenn wir dann auf Jesus schauen, auf seine Beziehung zur Mutter in dieser Situation seines Sterbens, dann wird noch ein weiterer Aspekt deutlich: Er lässt seine Mutter nicht allein. Er gibt ihr seinen Jünger und Freund Johannes an die Seite.
Im ersten Augenblick konnte sie das sicher auch nicht gleich verstehen. Was sollte sie mit Johannes? Er konnte ihr doch den Sohn nicht ersetzen; er konnte ihr doch Jesus nicht ersetzen!
Aber noch einmal zeigt sich Maria als Glaubende und Vertrauende. Sie öffnet Herz und lässt sich auf eine neue Beziehung ein; auf eine Beziehung, die ihr von Gott her zukommt.

„Wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und gläubig angenommen.“ hörten wir in der Lesung. Gläubig annehmen, dass Gott mit seiner Liebe – so unwahrscheinlich es auch erscheint – am Werk ist: das war die Herausforderung für Maria in jener Situation unter dem Kreuz. Das ist die Herausforderung für viele Menschen heutzutage.

Da Maria selbst größtes erdenkliches Leid erfahren hat, können sich Menschen bei ihr verstanden fühlen, bei ihr Trost suchen, der Trösterin der Betrübten.
„Trösterin der Betrübten“ – so lautet einer ihrer Beinamen; der Name, der die Erfahrung mit Maria hier in Kevelaer ausmachen soll und kann.

Wenn wir an die Liebe Gottes auch in schweren Lebenssituationen glauben durften, dann können wir mit Maria und ähnlich wie Maria zu Trösterinnen und Tröstern von leidgeprüften Menschen werden. Dann ist unser Glaube keine Theorie und unser Zuhören von Verstehen geprägt. Dann können wir mit dem 1. Johannesbrief sagen:
Wir haben gesehen und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als den Retter der Welt. Amen.

Klaus Honermann

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